"Ein Quantum Horst" beim Brecht Festival 2017.


Jetzt verpasse ich es schon wieder. Ich wollte doch dieses Jahr unbedingt ein oder zwei Vorstellungen sehen. Ok, vier Tage läuft es noch! Morgen kann ich nicht, da habe ich keine Zeit. Übermorgen läuft absolut nichts Gutes und am Sonntag klingt auch nichts interessant. Samstag, es bleibt nur noch der Samstag.

„Ein Quantum Horst“ - das war das spannendste Angebot an diesem Tag. „Proletarisch-lyrischer Indie-Rock“, so wurde die Band beschrieben, die am 11.03.2017 im Brechtkeller aufgetreten ist. Die Beschreibung hat definitiv nicht zu viel versprochen!

Die fünf Musiker entführen einen sofort in ihre Welt, eine Welt aus Blechbläsern, treibenden Rhythmen und unglaublich präzisen und ausgefeilt lyrischen Texten. Endlich spürt man, dass deutsche Musik beliebter, bekannter und besser ist denn je! Die Jungs spielen mit Sprache, mit ihrer Sprache. Genau deswegen waren sie perfekt aufgehoben auf dem Brecht Festival. Bert höchstpersönlich hätte den Auftritt genossen. Er hätte getanzt, gejubelt und gefeiert, so wie jeder andere, der sich in dem akustisch interessanten Gewölbekeller eingefunden hat.

Vor allem die Texte fielen auf, von witzig sezierten Alltagssituationen über politisch, gesellschaftlich angehauchte bis hin zu philosophischen Songtexten war alles dabei. Immer eingebettet in handgemachte, anspruchsvolle Rockmusik, die zum Mitwippen und Tanzen anregte.

Zum Ende hin wurden  die Lieder immer wieder nachdenklich. So zum Beispiel, wenn der Sänger in einem Song erzählt, wie er in einer Bar seine Texte schreibt: „Dienstags halb vier in der Haifischbar. Die Bilder sind verschwommen, doch der Schnaps ist noch klar.“ Frei nach diesem Motto haben wir das Konzert ausklingen lassen und sind durch die Augsburger Nacht gestreift. Auf der Suche nach einer Bar haben wir die Welt auf uns wirken und den ein oder anderen Gedanken schweifen lassen.

Der Poet

 

Und noch ein paar Gedanken zu Brecht, zu Haifischen, zur Weltrettung:

„Wenn die Haifische Menschen wären“, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleine Fischen?“ „Sicher“, sagte er. „Wenn die Haifische Menschen wären, dann hätten sie stumpfe Zähne und wären Vegetarier. Sie würden statt Fish&Chips nur noch Chips, also knackige, dunkelgrüne, frittierte Algen, essen. Die kleinen Fische bauten dann Algen für alle an, denn jeder würde jedem helfen. Es gäbe genug zu essen für alle: All you can eat! Auch medizinisch ausgebildete Fische gäbe es, die gerecht jedem helfen würden. Die Kranken wären in renovierten Fischwracks untergebracht. Jedes Fischlein hätte seine eigene Koralle über dem Kopf und in jedem Riff gäbe es Erste-Hilfe-Muscheln. Aber nicht nur für das körperliche Wohlbefinden wäre gesorgt, nein, auch die psychische Gesundheit läge ihnen am Herzen: Wöchentlich gäbe es Free Hugs Aktionen, bei denen die Fische sich gegenseitig mit den Flossen streichelten, um das seelische Wohlbefinden zu verdoppeln. Nicht genug damit, nein, natürlich gäbe es noch wöchentliche Meet&Greet mit dem Motto „Sharing is caring“, bei dem jeder Fisch in einer Sitzrunde mit Blubberstab, der von einem zum anderen Fisch gereicht würde, seine Probleme mit den anderen teilen dürfte. Außerdem gäbe es einen Sanitätschor, der vor jeder großen Fischoperation den Patienten das Lied „Helping me softly with this song, helping me softly with this song“ vorblubbern würde. Bei jeder Massenhochzeit würden speziell gezüchtete, nicht süchtig machende Algensubstanzen in der Zeremonie zusammen gekaut, um das Glücksgefühl zu verdreifachen. Ja, für die kleinen Fischlein gäbe es paradiesische Zustände, wenn die Haifische Menschen wären!
 
Katharina Zimmer

 

 

Im Originaltext, entstanden 1948, sieht Bert Brecht die Lage weit weniger positiv:


"Wenn die Haifische Menschen wären", fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, "wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?" "Sicher", sagte er. "Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden sorgen, daß die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit die großen Haifische, die faul irgendwo liegen, sie finden könnten. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, daß es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und daß sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, daß diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fische zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, daß zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein tötete, würden sie einen Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Fischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, daß die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es da, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würden lehren, daß die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Menschen wären, daß alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau usw. Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären."

Bert Brecht (aus: Gesammelte Werke, Bd. 12, Prosa 2)

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